Zitat:
2. Ergänzung zu „Das Dreifaltige Himmelszelt im Entschlüsselten I-Ging“.
Ich fühle mich angestoßen, eine weitere Ergänzung zu meinen Ausführungen zu machen. Es geht um die Hexagramme der Harmonie und Reinheit. Bei Harmonie hat man keine allzu große Schwierigkeiten, sich darunter etwas vorzustellen. (Bei einem Hexagramm-Paar der Harmonie handelt sich um zwei Hexagramme, die jede ihrer zweimal sechs Linien mit sowohl einer Yin- als auch einer Yang-Linie besetzen.) Aber „Reinheit“ klingt esoterisch und aufreizend. Beide Begriffe, Harmonie und Reinheit, spielen aber in der chinesischen Kultur bis in die Neuzeit hinein eine gar nicht so kleine Rolle. Das ist insbesondere daran zu erkennen, daß auf der Nord-Süd-Achse der Verbotenen Stadt in Peking Tore und Hallen der Mittleren und Höchsten Harmonie sowie der Himmlischen Reinheit liegen. Reinheit war im Alten China ein Ideal des Daoismus und auch Buddhismus. Ein Symbol dafür war der fleckenlose Spiegel, der nichts festhält. (Ein Hexagramm-Paar der Reinheit bilden zwei Hexagramme, die sich spiegeln, d.h., die sich aus den beiden gleichenTrigrammen in vertauschter Reihenfolge zusammensetzen.) Der makellose Spiegel steht zunächst für die Beruhigung des Gemüts und der Seele in der Meditation. Die Besänftigung während der Meditation konnte dann vielleicht ins Alltagsleben mit hinüber genommen werden. Tatsächlich verblassen in der Meditation die Dinge, die einen vorher noch maßlos aufgeregt haben. Man gewinnt Abstand und kann am Ende vielleicht sogar über diese Dinge lachen. Das Gemüt wird dabei auch mit einem See verglichen, den die Wellen aufwühlen. Bei Windstille beruhigt er sich wie das Gemüt während der Meditation. Wenn die Oberfläche des Sees glatt ist, spiegelt sie den Himmel. Im übertragenen Sinne gilt dies auch für die Seele. Ich wage es, meine Ergänzung mit einem Tanka zu schließen:
Kein Blatt rührt sich und
der See spiegelt makellos
die weißen Wolken,
ohne auf sie zu zu geh’n
oder sie festzuhalten.
Mit freundlichen Grüßen
Wilhelm Josef Giebel