Sehr geehrter Herr Dörnenburg,
nichts stünde mir ferner als nach einem einzigen Sonntagabend aus meiner Altbauwohnung heraus "mal eben so" bei Tee und Wikipedia in einem meinen eigenen Wissenschaftszweig wollwollend gesprochen nur äußerst marginal kreuzenden Fach Thesen aufzustellen - alles, worum es mir hier geht ist, die Verteidigung einer Möglichkeit, die ich bisher noch nicht für zwingend alles widerlegt betrachte und überhaupt um diskursiven Sportsgeist.
I. Zu den Pharaonen:
1.Sowohl Djedefre als auch sein Sohn (?) Bakare haben jeweils, wie es die gängige Forschermeinung will, nur wenige Jahre regiert und praktisch nichts oder nur Unvollendetes hinterlassen, während Chefren und seine Nachkommenschaft viel gebaut und lange regiert haben. Man kann aus dieser Bruderkonstellation schließen, dass es einen dynastischen Konflikt gegeben haben könnte und es nicht klar, wer von den beiden als Pharao von Cheops als Nachfolger "gemeint" war. Es ist jedoch sehr schwer die Konstellation Bruder 1, Bruder 2, Sohn von Bruder 1, Sohn von Bruder 2 anders als ein dynastisches Gerangel zu interpretieren, was auch zu der kurzen und bautechnisch ereignisarmen Regentschaft selbiger Einschüblinge passen würde. Die einzige Möglichkeit das Ganze im Sinne eines friedlichen Hin und Her zu retten wäre aus Chefren einen Regenten des jungen Bakare zu machen, der dann jung und kinderlos gestorben ist, wodurch Chefrens Nachkommenschaft wieder begünstigt wurde. Dies scheidet allerdings dadurch aus, dass Chefren - soweit es mir bekannt ist - bis zu seinem Tode regiert hat, was für einen Regenten sehr untypisch wäre - vor allem, da in den mindestens 24 Jahren Regierungsdauer ein eventuell vorgesehener Thronfolger des Bruders mit Sicherheit alt genug gewesen wäre die Regierung zu übernehmen. Dieses Argument ist also kein zwingendes Gegenargument gegen die Möglichkeit eines generationsübergreifenden Planes.
2. Außerdem - man verzeihe mir auch hier Wikipedia - unterscheiden sich die Pyramiden der beiden eingeschobenen Pharaonen deutlich von den anderen. Über Abu Roasch heißt es:
"Das innere Kammersystem wurde gegenüber den Pyramiden von Snofru und Cheops wieder stark vereinfacht.
Die Grabkammer wurde nun wieder wie bei den Pyramiden der 3. Dynastie unterirdisch angelegt und nicht mehr im eigentlichen Pyramidenkörper." und Englisch: "Due to the poor condition of Abu Rawash, only small traces of his mortuary complex have been found;
his pyramid causeway proved to run from north to south rather than the more conventional east to west while no valley temple has been found.Only the rough ground plan of his mud-brick mortuary temple was traced--with some difficulty--"in the usual place on the east face of the pyramid."
Über el-Aryan heißt es:
"Anfänglich wurde die Pyramide in die 3. Dynastie datiert. Grund dafür waren die für
die 3. Dynastie typische Form in nordsüdlicher Richtung ausgerichtete Pyramidenkomplex sowie Baugraffiti, die einen fragmentierten Königsnamen enthielten, der teilweise als Nebka gedeutet wurde. Heute geht man eher von der Lesung Baka aus, womit die Pyramide in die 4. Dynastie zu datieren wäre." und: "Um die begonnene Pyramide herum wurden Reste einer nordsüdlich orientierten rechteckigen steinernen Umfassungsmauer mit einer Größe von 465 × 420 Metern entdeckt.
Diese Orientierung in nordsüdlicher Richtung ähnelt der der Radjedef-Pyramide in Abu Roasch und den Pyramiden der 3. Dynastie."
Die einzigen Großen Pyramiden der 4.Dynastie, die also nach dem "Cheopsprinzip" (zugegeben keine allzu gelungene Bezeichnung, denn streng genommen muss eigentlich Snofru als "Vater" der neuen Ausrichtungsweise gelten, aber von dem sehen wir hier ab), d.h. in östwestlicher Ausrichtung gebaut worden sind, wurden von Cheops, Chefren und Mykerinos gebaut und stehen direkt nebeneinander. Die andern zählen also nicht, um mich mal ganz weit aus dem Fenster zu lehnen in der stillen Hoffnung, dass mich der demokratische Wissenspool des Internets bei derart generellen Angaben hier ausnahmsweise nicht im Stich lässt.
3. Ein generationsübergreifender Plan ist überdies auch als ein von
Chefren initiierter denkbar, der dann planvoll seine Pyramide neben die seines Vaters setzte und seinem Sohn entsprechende Anweisungen erteilte. Auch von dieser Warte ist nichts zweifelsfrei widerlegt!
4. Ein genrationsübergreifendes Projekt würde gar keinen so großen Zeitraum umfassen: Wenn man von einer Regierungszeit des Chufu von 2579-2556 und einer Regierungszeit von Mykerinos von 2514-2486 vor der Zeit ausgeht kommt man auf einen Gesamtzeitraum von 93 Jahren - geht man davon aus, dass Mykerinos wie schon Cheops sofort mit dem Bau seiner Pyramide begonnen hat, können wir den Zeitraum der Informationsübertragung sogar noch verringern auf nur 65 Jahre! Wenn man den Plan bei Chefren ansetzt, wären es sogar noch viel weniger. Manche Kathedralen wurden über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert gebaut und mehrere Generationen von Bauherrren lösten einander ab: warum sollte der bloße Zeitraum hier irgendetwas
logisch zwingend widerlegen, auch wenn es sich bei den Kathedralen zugegeben nur um jeweils ein Bauwerk handelte?
II. Zum Sternenkult:
1. Ich habe nie einen Osiriskult der 4.Dynastie proklamiert oder verteidigt, auch wenn mir dies zu meiner Überraschung unterstellt zu werden scheint, also fühle ich mich von den dazu gemachten Äußerungen nicht betroffen - gegen Ihre Argumentation bezüglich der 6. Dynastie habe ich bisher nichts einzuwenden und auch meines Wissens nichts eingewendet. Ich gehe weder von einem Abbild, noch von einem Osiriskult, noch von einem mathematischen Verhältnis von Licht zu Höhe, noch von einem alle Pyramiden der 4. Dynastie umfassenden Masterplan, noch von einem Sternbild des Orion, wie wir es heute kennen, aus. Das ist Bauval und respektive schlecht gestützt, unvollständig oder schlicht abstrus - da gebe ich Ihnen durchaus recht. Dennoch stimmt es nicht, dass ein generationsübergreifender Plan völlig unmöglich wäre und auch baulich wäre er nicht unmöglich, wie ich in meinen ersten Beitrag erwähnt habe, was von Ihnen nicht widerlegt worden ist. Auch ist die Deckung von Gürtel des Orions und Pyramiden in der Tat erstaunlich. Sogar eine mögliche praktische Erklärung für die leichte Abweichunng der Pyramidenspitze der Mykenos-Pyramide vom dazugehörigen Stern wäre als "nice to have" mit drin - wie gesagt, die Ägypter hatten keine höhere Mathematik oder Astronomie und dergleichen und waren daher auf Schätzwerte angewiesen, die Abweichung betrifft den schwierigen Teil der Triade und wäre also auch so prinzipiell verzeihlich.
2. Alles, was also in der Tat noch fehlen würde ist der Nachweis, dass der Gürtel des Orion - zu welchen Sternbild er auch gehören mag - symbolisch mit etwas für die Ägypter dieser Zeit Bedeutsamen verknüpft gewesen ist. Aber auch dann wäre es kein "Sternentempel", denn es ging nicht um kultische Anbetung eines Sterns oder besser: einer Sternengruppe, sondern um einen symbolisch-mythologischen Bezug - Sie würden die Pyramiden ja auch nicht als "Tempel der Himmelsrichtungen" bezeichnen! Überhaupt ist es völlig unklar, was ein Nachweis eines astrologischen Kultes leisten müsste um als ein solcher zu gelten, so hat man in antiken Synagogen des 2. und 3. Jahrhunderts vor der Zeit (so gen. Zeit des 2. Tempels) häufig Zodiak-Bodenfresken und dergleichen gefunden, was aber in keiner Weise bedeutet, dass im Judentum jemals der Zodiak als Zodiak verehrt worden wäre (das kann ich aus der Sicherheit des eigenen Forschungszweigs zweifelsfrei konstatieren) und wie gesagt würden Sie die Ausrichtung der Pyramiden ja auch nicht als einen Beweis einer kultischen Verehrung der Himmelsrichtungen werten, sondern lediglich deren symbolische Bedeutung darin gespiegelt sehen, wie auch der Stern von Bethlehem, der aus Stroh geflochten auf den Christbaum gesteckt wird, außerhalb seiner symbolischen Bedeutung keinen eigenen Kult besitzt. Einen expliziten Kult mit Tempeln und allem drum und dran als einzig gültigen Beweis einzufordern ist daher meines Erachtens analog zu dem von ihnen treffend widerlegten Anspruch der Paläo-Phantasten den Bauprozess der Großen Pyramiden oder gar Baupläne in Stein gemeißelt vorfinden können zu müssen.